Dienstag, 22. September 2009

Die Axt zieht um

...und zwar zur sinnigen Domain:

http://einbuchmussdieaxtsein.blogspot.com

Ich habe vergessen, wieso ich die nicht gleich gewählt habe.  Aber es ist ja nie zu spät für Einsicht.

Hier geht es also nicht weiter mit neuen Beiträgen, sondern im neuen Zuhause, das ganz genauso aussieht wie das alte.

Sollte irgendetwas fehlen oder nicht funktionieren oder sonstwie irritierend sein, dann gebt mir doch bitte Bescheid.

Bis gleich dann!

Bastelstunde bei der Axt, Teil 3




Wenn das mal kein unschlagbarer Service seitens meiner prima Leser ist: Die liebe Susan war so gut, mir aus meiner T.C. Boyle-Pleite herauszuhelfen. Endlich kann ich das Buch reinen Gewissens aus der "Warteliste" in der Sidebar entfernen. Bitteschön:

Dreier Handlungsstränge bedient sich T.C. Boyle, um den Leser auf eine haarsträubende Tour de force mitzunehmen, die einen bis zur letzten Seite in Atem hält. Zeitlich angesiedelt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, begleiten wir drei Protagonisten auf ihrer Suche nach dem Glück:

Mungo Park, den jungen schottischen Entdecker, der eine Afrika-Expedition anführt mit dem Ziel, den Niger zu finden. Boyle malt Afrika als Kontinent, dessen Gefährlichkeit in seiner Fremdheit begründet liegt – eine Gefahr, der sich Mungo Park nie wirklich bewusst ist und die er nur durch die beherzte Hilfe des Ex-Sklaven Johnson überlebt (was er jedoch niemals begreifen wird). So stolpert Mungo mit tragischer Ungeschicklichkeit durch den unverständlichen Kontinent, immer nah an der Grenze zum tödlichen Zwischenfall.

Dann ist da Ned Rise, ein Londoner Kleinkrimineller, der sich mit Witz und Bauerschläue durch die Gossen der Großstadt laviert. Die Straßen Londons stehen in Wassermusik der Gefährlichkeit Afrikas in nichts nach, und so muss der arme Ned durch allerlei Unbill, bevor sich schließlich sein Schicksal mit dem des Entdeckungsreisenden verflicht. Eine besondere Würdigung verdient hier die Sprache Boyles, der den Gossenslang großartig und mit Liebe zum Detail eingefangen hat.

Ailie, die Verlobte des Entdeckungsreisenden, wartet unterdessen in den schottischen Highlands auf dessen Rückkehr, hartnäckig bedrängt vom Liebeswerben eines weiteren seltsamen Verehrers. Eindringlich schildert der Autor die Seelenqualen der jungen Frau.

Nach unzähligen tollkühnen Wendungen des Schicksals vereinen sich die drei Handlungsstränge zu einem furiosen Finale, und natürlich ist Afrika der Schauplatz, an dem diverse Protagonisten schließlich aufeinander treffen – an dieser Stelle darf mehr nicht verraten werden.

Nur soviel sei noch gesagt: Wassermusik ist ein schillerndes, buntes, lebendiges und unglaublich mitreißendes Buch, das Witz und Tragik auf unnachahmliche Weise vereint. Und eine böse Satire auf die westliche Überheblichkeit gegenüber den "Primitiven" ist es obendrein.


Also, fast krieg ich Lust, es noch einmal mit Wassermusik zu versuchen. 




Montag, 21. September 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 6




Wer mir das hier schlüssig interpretiert, ohne zu googeln, der kriegt ein Buch zur Belohnung. Ein gutes Buch, natürlich. Aus dem hauseigenen Zwinger.



Zwischenbilanz für bedauernswerte Bäume

Akazien sind ohne Zeitbezug.
Akazien sind soziologisch unerheblich.
Akazien sind keine Akazien.


(Günter Eich)




Die Axt zu Gast...

...hatte kürzlich das famose HATE-Magazin.




Was dem geneigten Besucher dieses Blogs bereits einigermaßen vertraut sein dürfte – nämlich meine Vorliebe für hochwertige Vampirliteratur und gleichzeitige Abneigung gegen gräßliche Buchcover – habe ich für HATE in komprimierter Form zusammengetragen. 

Wer möchte, kann sich den Artikel hier direkt im pdf-Heft anschauen (Seite 34), das Magazin an einem der Auslageorte mitnehmen oder jetzt einfach weiterlesen.


Dracula goes Neuzeit: Ein unvollständiger und höchst subjektiver Anriss.

Es hilft alles nichts: Der Vampir ist in der Popkultur angekommen, endgültig. Derzeit erlebt das untote Weißbrot seine größte Renaissance seit dem 17. Jahrhundert und hat auch gleich ein respektables Facelift mitgenommen. Brokatbestückte Rüschenfummel und spitze Schnallenschuhe sind so last season – der Vampir des neuen Jahrtausends setzt in Wort und Bild auf Understatement oder wenigstens einen ordentlichen Dreitagebart (man erinnere sich dagegen an Gary Oldmans Dracula-Auftritt mit fantastisch albernem Altfrauendutt!).

Heute müssen Vampirfilme und -bücher eher cool als unheimlich sein. Lässigkeit ist unverzichtbar. Rob Pattinson als sexy Teenage Vampire treibt (in der Verfilmung der ultra-gehypten „Twilight“-Romane) mit seiner Out-of-bed-Frisur und seinem spöttischen Blick Teenies auf der ganzen Welt zu hormonellen Ausrastern. Jedes Mädchen will jetzt violette Augenringe, Blässe ist schick, der Vampir ist die Stilikone du jour. Überhaupt lebt mittlerweile auch der Vampirroman längst in der Moderne und entwickelt mehr oder weniger zielgruppenorientierte Auswüchse abseits des klassischen Dracula-Stoffes. Wobei zuweilen – das wird keinen überraschen – die Qualität eher heterogen ist, diplomatisch gesprochen.

Die Amerikanerin J.R. Ward versorgt valiumsüchtige, unbefriedigte Vollzeit-Hausfrauen mit einer Garnison ledergewandeter, unnahbarer, kerniger, zwei Meter großer Vampirkrieger (wer ein Gesicht dazu braucht: Wesley Snipes in Blade). Diese sind selbstverständlich enorm gut ausgestattet und begatten eine rettenswerte und einsame Menschenfrau so gekonnt, bis der schier die Synapsen durchbrennen. Danach verliebt sich der stahlharte Krieger widerwillig in seine zerbrechliche Geliebte. Zwischendurch werden diverse Feinde um die Ecke gebracht. Und das passiert mehr oder weniger in jedem einzelnen der rund zehn Bände der Romanreihe, gnadenlos wie Bill Murrays Radiowecker in Täglich grüßt das Murmeltier. Schlüssiger Plot? Gutes Storytelling? Sauberer Schreibstil? Scheinen die Fans nicht zu vermissen, und Fans hat J.R. Ward erstaunlich viele. Eine pikante Fußnote des blutigen Kopulierens: Die ebenfalls amerikanische Autorin Lara Adrian, die das Material hemmungslos abschreibt und damit fast ebenso erfolgreich ist. Methadon bis zum nächsten Original-Ward quasi. Dabei muss man doch gar keinen Schrott kaufen! Denn kreative Umsetzungen des ausufernden Stoffes finden sich zu viele, um ihnen mit einer Handvoll Zeichen gerecht zu werden.

Zu Recht in den Beststellerlisten tummelt sich zum Beispiel Charlie Hustons bisher dreiteilige Reihe um den untoten Privatdetektiv Joe Pitt. In schöner Sin-City-Manier wütet der abgebrühte, kettenrauchende Pitt durch ein wunderbar überzeichnetes New York, datet blutjunge Kellnerinnen, wird von schurkigen Schurken verkloppt und führt lakonische Dialoge. Das Ganze ist hart und schnell erzählt, großstädtisch eben und mit selbstironischem Augenzwinkern. Der Vampirkram fügt sich natürlich und unaufdringlich in die Geschichte ein, die damit einhergehende Brutalität gehört schlichtweg in diesen Entwurf der verfeindeten Clans und dreckigen Hinterhöfe. Ein Jungsbuch, könnte man meinen, aber das scheint mir zu kurz gesprungen. Charlie Huston ist einfach ein großartiger Unterhalter. Hey, Mr David Fincher, mach doch mal nen Film draus – wie man den rotzigen Look hinkriegt, weißt Du ja.

Wenn ich hier schon über Jungs- und Mädchenbücher lamentiere, dann ist Charlaine Harris vermutlich eher eine Mädchenautorin. Ihre Hauptfigur Sookie Stackhouse, Gedanken lesende blonde Kellnerin aus Lousiana lebt in einer Welt, in der Vampire an die Öffentlichkeit gegangen sind und mitten unter braven Bürgern ihr Unleben fristen. Möglich ist das, weil die Japaner (klar, wer auch sonst) synthetisches Blut entwickelt haben – gebissen wird offiziell nur noch zum beiderseitigen Vergnügen. Und als die reizende und patente Sookie mit dem Vampir Bill eine Affäre beginnt, wird sie so geschwind wie unfreiwillig in das übernatürliche Business hineingezogen, was ihr nicht unbedingt zum Vorteil gereicht: Dort gibt’s nämlich ordentlich aufs Maul. Dass dieser Stoff mit all seinen charmanten Südstaaten-Protagonisten ein gewaltiges innovatives Potential hat, ist auch dem Fernsehsender HBO nicht verborgen geblieben: Die erste Staffel von „True Blood“ läuft in den USA außerordentlich erfolgreich. Bedanken darf man sich dafür übrigens beim kongenialen Serienbastler Alan Ball („Six feet under“).

Gar keine Frage, die Liste fähiger Autoren ist beachtlich – doch die einschlägigen Verlage tun ihr Bestes, um den Vampirinteressierten vom Buchkauf abzuhalten. Das Stichwort heißt Covergestaltung: Mit dem Großteil der zeitgenössischen Vampirliteratur möchte man nicht tot über dem Gartenzaun hängen, so geschmacklos und klischeehaft präsentieren sich die Werke. Ein Rätsel, denn inhaltlich ist man doch zum Teil ganz weit vorne. Aber da kann eine Charlaine Harris so gut erzählen wie sie will: Wenn ihre Buchcover mit komischem Glitzerlack und infantilen Illustrationen ausgestattet sind, dann vergrault das alle potentiellen Leser, die über einen Hauch ästhetisches Gefühl verfügen. Und das ist nur eins von vielen scheußlichen Beispielen, denn auch auf den armen Charlie Huston wurden offenbar blutrünstige, blinde, wahnsinnige Verlagsgrafiker angesetzt. Schade.

In dieser Hinsicht muss sich der Literaturbetrieb eine daumendicke Scheibe von der Filmindustrie abschneiden. Die vermarktet das Thema Vampir nämlich zumeist augenfreundlich. Letzten Endes bleibt einem ja nichts anders übrig (es sei denn, man entwirft sich selbst einen optisch anspruchsvollen Buchumschlag), als abfällige Blicke in der Bahn aufrecht zu ertragen. Aber was wissen die denn schon, diese Sterblichen? Eben.


Montag, 31. August 2009

Sag zum Abschied leise Kafka...



Ihr sehr lieben und unheimlich tollen Leser (das sage ich selbstverständlich nur, damit Ihr wieder zurück kommt), die Axt hat frei und beglückt bis Mitte September das wirklich Leben mit ihrer Anwesenheit.

Vielleicht schaue ich zwischendurch mal rein, in dieser Hinsicht gebe ich mich mysteriös.

Bis ganz bald, habt schöne Sommertage, so lange noch welche übrig sind.

Freitag, 28. August 2009

Gefrierbrand am Nachmittag: Hera Lind's Champagner-Diät





Ich weiß nicht, welche Persönlichkeitsstruktur man sein Eigen nennen muss, um arglosen Mitmenschen solcherlei Fallen zu stellen: ein offenbar antisozial gestörter Kollege oder - geben wir's zu - eine Kollegin ließ heute das Buch Die Champagner-Diät von Hera Lind in der Büroküche liegen, wo ich es mir beim Kaffee kochen in die Hände fiel.

Und da ich (muss ein Gendefekt sein) wirklich ALLES lese, was bedruckt ist, konnte ich nicht umhin, mir den Roman auf der Stelle mit Elan zu Gemüte zu führen.

Oh. Mein. Gott.

Nach einer halben Stunde paralysierten Seitenumblätterns schleppte ich mich mit viel Weiß in den Augen zurück an meinen Schreibtisch, um mit zitternden Fingern eine Warnung vor dem dumpfesten Machwerk zu verfassen, das ich in meinem ganzen Leben jemals halb gelesen habe:

Eva ist fett und übererfüllt jedes, aber auch jedes Klischee aller Fetten dieser Welt. Natürlich leidet sie unter einem jupitergroßen Minderwertigkeitskomplex. Natürlich spannt das dünne blonde Schweden-Aupair ihr den Mann aus. Natürlich liegt das nur am Fettsein der armen Eva. Natürlich nimmt sie dann circa eine Tonne ab. Und verliebt sich per Mail in einen Schiffskoch, wobei sie sich als Modedesignerin ausgibt (und natürlich als schlank, denn wie wir alle wissen, sind schlanke Frauen das Salz der Erde und alle anderen mögen bitte im Staube kriechen). Natürlich hält der Koch ebenfalls nicht, was er verspricht. Natürlich mögen sie sich gerade deshalb und werden glücklich für immer und ewig. Fertig.

Die Champagner-Diät bezirzt mit allerlei HÖCHST überraschenden Wendungen und Kochrezepten (!) und infantilen Mails, die sich die unfassbar bescheuerten Protagonisten schreiben sowie irrsinnigen Blödsinns-Dialogen zwischen Eva und ihrem inneren Schweinehund.*



Lieber verzweifelter Diana Verlag, wenn Du denn unbedingt aus der Welt scheiden willst, dann musst Du uns andere doch nicht gleich mitreißen in die ewige Verdammnis! Du könntest Ruf und Portokasse viel lustiger und menschenfreundlicher ruinieren als mit dem Verlegen der Champagner-Diät.

seufzt resigniert,
Deine Axt



* wie ich soeben investigativ und unter großen Gefahren recherchiert habe, treibt der genannte Schweinehund auch in anderen Lind-Romanen sein Unwesen. Offenbar soll das arme Ding gnadenlos ausgequetscht werden wie ein saftiger Pickel. Lauf, Schweinehund, lauf um Dein Leben!

Dienstag, 25. August 2009

Einführung in die Statistik I


Heute langweile ich Euch mal bewusst. Sonst ist das ja eher ein Versehen. 

Ich habe mich getraut, mir die aktuellen Zahlen für die Website zu Gemüte zu führen. Ein zweischneidiges Schwert, denn fast immer stellt sich heraus, dass einen eh keiner liest. Oder dass es so ist wie mit manchen "Underground"-Bands: Die Kritik ist voll des Lobes, aber Platten verkaufen die armen Schweine nicht.

Jedenfalls offenbart die Statistik das ein oder andere lustige Ding. Zum Beispiel schaut kaum einer zwischen vier und sechs Uhr morgens hier rein. Dafür liest man die Axt beim Betreten des Büros oder zum Frühstück gerne. Gegen 17 Uhr scheinen die meisten auch nochmal ein Tief und damit das Bedürfnis nach banalem Entertainment zu haben. Hier das Schaubild (bitte als Hausaufgabe sauber abzeichnen und farbig ausmalen):





Wir hatten in den letzten 4 Wochen 1.347 relevante Seitenzugriffe, also knapp 45 am Tag. Damit kann ich nun gar nichts anfangen. Ich hab ja keinen Vergleich. Also bin ich vermutlich doch eher eine Underground-Band? Gibt schlimmeres.

Es stellte sich außerdem heraus, dass es Sinn macht, wenn Ihr mich verlinkt *mit dem Zaunpfahl winkt*. Viele Eurer Leser schauen hier mal rein und umgekehrt. Das sagt zumindest dieses zauberhafte Tortendiagramm:






Ziemlich irritiert ließen mich jedoch so manche Suchanfragen zurück (d.h. Leute fragen Google nach Stichwörtern und werden auf meine Seite verwiesen). Unfreiwillig bei der Axt gelandet sind offenbar jene, die dieses suchten:

- was is das gegenteil von down?

- relevantes (das ist mal ein kompliment!)

- schaum der liebe (hä?)

- open muschi bildband 

- ich hasse freche frauen (ich doch auch, liebe/r suchende/r)

- hundeerziehung softies

- geile erzwungene liebe (also 'liebe' kombiniert mit 'erzwungen'... da hat einer ein problem)

- ego projektion 

- axt tanja porno

- gedicht über ein fahrrad (wer hier eines verfasst, kriegt zur belohnung ein buch!)

- blöde sätze (na danke!)


Keine blöden Sätze, sondern ganz viel Sonne, und zwar den ganzen Tag lang, das wünscht Euch:
die Axt

Freitag, 21. August 2009

Random House goes Marketing 2.0


In Zeiten rückläufiger Buchverkäufe muss sich ein Verlag schon was einfallen lassen...nee Moment, der Satz klingt irgendwie spießig.

Neuer Versuch: Die großkopferten Verlage kommen jetzt marketingtechnisch durch die Hintertür (Assoziationen, jaja), um die werberelevante Zielgruppe – das sind wir – vermeintlich geschickt zu umgarnen. Random House hat von seiner Werbeagentur offenbar einen Tritt in den Popo bekommen und sich überreden lassen, Charlie Hustons aktuelles Werk jetzt total crazy und abgefahren und integriert und guerillamäßig zu bewerben. Das klingt jetzt gewollt lustig. Egal.

(Ob die alten Herren im Vorstand jetzt Basecap und Grillz tragen müssen, wegen der neuen jungen Unternehmenskultur? Ignoriert mich: Ich hab das Wochenende im Blick und zu viel Kaffee intus, da mach ich gerne mal den Kasper.)

Ich meine, ja klar ist das jetzt wieder so ein bisschen gewollt, aber irgendwie gefällt's mir. Ist mal was anderes. Wenn ich mir diese grauenhaften Eckfeldanzeigen anschaue, die Verlage sonst in irgendwelchen Magazinen schalten, dann ist mir dies hier wirklich lieber.

Wie finden wir das?

(Edit: Keine Meinung, nirgends? Komisch, ich dachte, an diesem hier würden sich vielleicht die Geister scheiden und freute mich schon auf polarisierende Kommentare!)






Donnerstag, 20. August 2009

T.C. Boyle und ich




Dies ist kein Text über T.C. Boyles Roman Wassermusik.

In einer idealen Welt hätte es einer werden sollen, aber Herr Boyle und ich liegen seit Wochen im Clinch miteinander, und es sieht nicht so aus, als würden wir uns in absehbarer Zeit in der Mitte treffen. Ich will jetzt nicht sagen, dies sei ein literarischer Nahost-Konflikt (wenn ich das sagte, dann würde ich gleich so viel betroffene Empörung auf mich ziehen), aber das Buch und ich stehen uns feindlich gegenüber.

Das Schlimmste ist: ich weiß nicht mal warum. T.C. Boyle ist ein wunderbarer Stilist und seine Formulierungen haben mich gleich angemacht. Daran liegt es also nicht. Auch das Thema interessiert – schottischer Entdeckungsreisender des 18. Jahrhunderts auf Niger-Expedition erlebt Afrika als feindlichen Kontinent, dessen Regeln er nicht begreift. Parallel verfolgen wir den Aufstieg (und Fall) eine Londoner Kleinganoven. Am Ende verflechten sich die Handlungsstränge. Skurril, eindringlich erzählt, sehr bildgewaltig. So weit, so gut.

Ich WEISS, dass Wassermusik ein großartiges Buch ist. Und trotzdem habe ich vier Versuche gebraucht, um bis zur Hälfte zu gelangen. Wo ich seitdem feststecke. Auf irgendeine mysteriöse Weise kriegt mich Wassermusik nicht rum, seiner augenscheinlichen Qualität zum Trotz. Sowas ist mir noch nie passiert (ein Gedanke, den der ein oder andere Mann vielleicht kennen dürfte. Blöder Witz. Haha. Das heiße Wetter produziert bescheuerte Zweideutigkeiten in diesem Artikel.)

Was stört mich denn nun? Ich glaube, ich empfinde Boyles Umgang mit seinen Protagonisten als gefühllos. Keiner von denen berührt mich – es ist ein distanziertes Erzählen, das durch die sprachliche Härte befördert wird (denn Boyle spart nicht an Rohheit). Vielleicht ist es ja so: Wassermusik ist wie Brad Pitt. Eine unmißverständlich heiße Schnitte, voll auf die Zwölf, sympathischer Typ und manierlicher Schauspieler. Gegen Brad Pitt lässt sich nichts einwenden – er interessiert sich für Kunst, ist offenbar ein toller Vater und erträgt die Jolie mit Fassung. Aber er ist einfach nicht mein Typ.


Darüber hinaus bin ich ratlos.
Völlig.
Kann irgendjemand erste Hilfe leisten?
Gibt es ein Happy End für die Axt?


Exkurs: vor etwa zwei Wochen habe ich das Buch bei meinen Eltern vergessen, die mehr als 700 Kilometer von mir entfernt wohnen. Bisher habe ich noch keinen Versuch unternommen, es zurück zu holen.

Freitag, 14. August 2009

Maria Sveland: Bitterfotze.




Wieder so ein Buch, das seine Leser konsequent in zwei feindliche Lager spaltet: In der einen Ecke diejenigen, die sich endlich verstanden fühlen und ihr Sprachrohr dankbar in die Höhe halten. Aus der anderen Ecke wabert Zigarrenrauch, und aus dem Rauch tönt neben dumpfen Schulterklopf-Geräuschen ein leises Murmeln: „Verbittert“, „Emanzenscheiß“, „Opferrolle“.

Bitterfotze ist keine schwedische Neuauflage von Feuchtgebiete, das mal vorweg (zum Glück, denn noch mehr muschifokussierte Experimente hätte ich nicht verkraftet). Schon der Titel erregte die Gemüter aufs Heißeste: Ein kurzer Rundblick von Googles Leuchtturm aus fördert Stimmen von „unerträglich vulgär“ bis zu „angemessene Härte“ zutage. Ich selbst tendiere, was den Buchtitel angeht, deutlich zu Letzterem. 

Es darf einen nicht wundern, dass auch die Kritik zwischen Lob- und Abgesängen schwankt, denn Bitterfotze ist ein unverhohlen wütendes und extrem persönliches Buch. Subtil ist anders – Sveland scheut die deutlichen Worte nicht, von gewohnt weiblicher Zurückhaltung ist hier nichts zu spüren. Und das macht das Buch so ungeheuer wertvoll.

Der Rahmen: Die Journalistin Sara fährt für eine Woche nach Teneriffa, eine kurze Verschnaufpause von Mann und Kind. Sie ist erschöpft, desillusioniert und krank vor Schuldgefühlen darüber, dass sie einerseits dringend eine Auszeit von der Mutterschaft braucht, aber andererseits deshalb das Gefühl hat, ihr Kind im Stich zu lassen.

Mit sich allein im Touristenghetto versucht Sara nachzuvollziehen, wie das passieren konnte: Dass sie so „bitterfotzig“, unendlich sauer und enttäuscht ist, entfremdet von ihrer Persönlichkeit und ohnmächtig im Angesicht der Fremdbestimmung, die ihr aufgrund ihres Frauseins widerfährt.

Diese Gedankengänge sind es, die Bitterfotze so polarisierend machen. Der bloße Fakt, dass sich eine erschöpfte Mutter eine Auszeit auf einer Ferieninsel nimmt, lockt noch keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Aber das unnachgiebige Bohren in gesellschaftlichen Konventionen, das Offenlegen von Mann-Frau-Mechanismen mag auf manchen wie eine ungeheuerliche Provokation wirken. Ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem Männer in einer Abwehrreaktion die „Emanzenkarte“ ziehen: Verbitterte Feministinnen muss man(n) nicht ernst nehmen, die mit ihrem ewigen Opfergehabe und so weiter und so fort. Doch auch Frauen müssen das Buch nicht zwangsläufig lieben – vieles wird hier aufgerissen, womit so manche Frau sich lieber nicht auseinander setzen würde. Der Bequemlichkeit halber?

So oder so ist Bitterfotze ein sehr, sehr wichtiges Buch. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollten es alle Männer lesen, und zwar ohne unmittelbar danach eine Meinung auszukotzen. Hier bietet sich die Chance einer ernsthaften, betroffenen Auseinandersetzung zwischen „dem Mann“ und „der Frau“, und es wäre sträflich, dieses Potential nicht zu nutzen.


Edit: Hier gibt's eine Leseprobe!


Ach ja: Ich sagte gerade in den Kommentaren: Das Buch ist jetzt nicht so gnadenlos un-optimistisch, wie es sich auf den ersten Seiten liest. Das wär mir noch wichtig. Und wieso rechtfertige ich mich denn jetzt? Hm.

Donnerstag, 13. August 2009

Willy Russell: The Wrong Boy.




Der Fliegenfänger heißt Willy Russels Buch in der deutschen Übersetzung. Das ist zwar nicht falsch, aber der Originaltitel trifft es um Längen besser. Denn dies ist eine Außenseitergeschichte, eine Geschichte über das nicht-verstanden-werden, über die Arroganz der so genannten Erwachsenen und das Gefühl, nicht mehr in die Welt zu passen.

Raymond Marks ist erstmal ein ziemlich normaler 11-jähriger Junge. Natürlich bleibt das nicht so, denn sonst hätte Russel ja keine Geschichte zu erzählen. Deshalb lässt er seinen Protagonisten ein pubertäres kleines Jungsspiel namens „Fliegenfangen“ erfinden. Und das ist der Dominostein, der eine hässliche Kettenreaktion in Gang setzt – denn ab diesem Punkt hat der arme Raymond sprichwörtlich die Scheiße am Hacken, es geht bergab, und immer weiter bergab, und noch weiter bergab. Von der Sonderschule in die Psychiatrie, bergab in die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit.

Raymond ist der Außenseiter, der Irre, der Perverse, und es schmerzt weiß Gott, ihn lesend zu begleiten. Die ganze Zeit möchte man ins Buch hineinrufen „Meine Güte, lasst Ihn doch endlich in Ruhe!“, aber nein, sie lassen ihn nicht in Ruhe, keine Chance. Der arme Raymond kriegt die volle Packung menschlicher Überheblichkeit mitten ins Gesicht, und man beginnt um seinetwillen auf ein Wunder zu hoffen.

Ich klinge vermutlich selbst pervers, wenn ich jetzt sage, dass Raymonds Story in ihrer ganzen Traurigkeit extrem witzig ist. Russell erzählt warmherzig, einfühlsam und mit einem unheimlichen Gespür für Situationskomik. Allein schon die Rahmenhandlung ist fantastisch: Der durch den Wolf gedrehte, mittlerweile 19-jährige Antiheld soll einen schrecklichen Job auf einer Baustelle antreten und erzählt seine Geschichte, unterwegs dorthin, in Briefform – in Briefen an sein Idol Morrisey. Ja, DER Morissey.

Dieses Buch ist für alle, die sich jemals wie ein Alien unter Robotern gefühlt haben, die nirgends hinein zu passen scheinen, die manchmal die Mechanismen der Gesellschaft nicht verstehen. Eine wundervollere Botschaft kann ein Buch nicht überbringen: Es ist okay, zu fühlen. Es ist okay, anders zu ticken als Deine Kollegen, Geschwister, Freunde. Es ist sogar viel mehr als nur okay. Und manchmal ist das Anderssein das größte Geschenk, das das Schicksal Dir überhaupt machen kann.

Lyrik zum Anfassen, Teil 5: Kurt Schwitters













Als die Axt vor einigen Jahren in ihrer Abschlussprüfung für Neuere Deutsche Literatur saß, fiel sie vor allem durch eines auf: durch unanständiges, unterdrücktes und immer wieder eruptiv hervorbrechendes Kichern, und zwar über die ganze Prüfungsdauer von drei Stunden. Alle anderen saßen ernst und konzentriert über ihren Blättern, während die Axt selbst am liebsten laut gelacht hätte vor Begeisterung.

Weil ich nämlich in genau diesem Moment Kurt Schwitters' "Ursonate" verstand und zu schätzen lernte. Dabei hatte ich mir die als Prüfungsthema selbst ausgesucht und mich seriös darauf vorbereitet. Und mitten in der Prüfung traf mich die grenzenlose Albernheit und Genialität des Werkes wie eine Gerade von Axel Schulz. So kann's gehen. Ich habe danach noch monatelang viele arme Menschen in meiner Umgebung an die Grenzen Ihrer Geduld getrieben, durch wiederholte Vorträge des kompletten, nun ja, Gedichtes in maximaler Lautstärke.

Wenn Du heute also schlecht drauf bist, verschlafen hast, mit dem Fahrrad durch eine dreckige Pfütze geradelt bist und deshalb Dein rechter Fuß durchnässt ist, Dein idiotischer Traum Dir immer noch auf der Seele liegt (all das trifft beispielsweise auf mich zu), dann empfehle ich Dir dringend, die Ursonate möglichst laut und mit viel Leidenschaft zu rezitieren. Hand drauf, dann geht's Dir besser.

Die vollständige Ursonate und viele andere wunderbare Schwitters-Werke findet Ihr hier. Wem es zu blöd ist, sich selbst durch die Sonate zu grunzen und zu jodeln, der kann sich dort auch Schwitters anhören, wie er es selbst tut. Großes Kino, das.


Es gibt übrigens unzählige Möglichkeiten, sich der Ursonate zu nähern – hier hat es jemand digital versucht:







Oder halt die klassische Performance:


Montag, 10. August 2009

Bastelstunde, Teil 2: Sergeant W.





Huhu, liest dit hier noch eener? Will ick hoffen.

Denn das gute alte Haus Sergeant W. hat uns mit einem famosen Artikel die Ehre gegeben. Und jetzt ziert Euch nicht so und applaudiert! Schließlich habe ich den Jungs hier ordentlich Ruhm und Ehre versprochen. Wo kommen wir denn hin, wenn ich das nicht halten kann.



Stanisław Lem: Lokaltermin

„Der einzige Mensch, für den ich im Laufe mehrerer Jahre dieses Buch schrieb, bin ich selber.“ In der Tat ist sein vorletzter Roman recht eigenwillig, fragmentarisch und über weite Strecken schwer zu lesen. Man merkt ihm an, daß er bergeweise Notizen verschlungen hat. Er ist auch nicht so in sich abgerundet wie die bekannteren Werke Lems, besitzt manch alberne, überflüssig anmutende Passage und überhaupt viel Unverständliches. Und dennoch – selbst wenn ich im Alter einmal geistig umnachtet darniederliege und mir der eigene Name nicht mehr einfällt – dieses Buch werde ich nicht vergessen. Es gehört zu den allerseltensten Werken, die man als ein anderer Mensch beendet, als der man sie begonnen hat.

Worum geht’s? Wir befinden uns in einer nicht näher bezeichneten Zukunft, der Erzähler, ein kosmopolitischer Weltraumreisender, kehrt soeben aus dem Sternbild des Kalbes auf die Erde zurück und will etwas ausspannen, als er von einer anderen Zivilisation erfährt. Radioteleskope haben entsprechende Signale empfangen, die Nachrichten sind naturgemäß unklar, werden in Bibliotheken archiviert und mit Hilfe statistischer Programme zu entschlüsseln versucht. Unser Erzähler begibt sich nun tage-, wochen-, monatelang in die Bibliothek und studiert diese Manuskripte; er versteht sie genauso wenig wie wir als Leser, denen er sie mitteilt, und das Ganze zieht sich über gute 120 Seiten. Man gewinnt bestenfalls eine dunkle, verschwommene Ahnung, was es mit dieser fremden Welt namens Entia auf sich hat.

Später verdichtet sich der Eindruck, daß dies eine der Erde ähnliche, aber weiter fortgeschrittene Zivilisation ist, darin bestimmte, für unsereins utopische Ideen Wirklichkeit geworden sind. So ist es etwa unmöglich, jemand anderem ein Leid zuzufügen, die Bewohner scheinen die Sterblichkeit überwunden zu haben, und einiges mehr. Schließlich, der Erzähler hat genug gelesen, besteigt er sein Raumschiff und bricht in Richtung Entia auf, zu einem Lokaltermin.

Im Stil schwankt dieses Buch zwischen Satire, philosophischem Traktat und Abenteuerroman, aber das eigentlich Bestürzende ist sein unwiderlegbarer, sozusagen wasserdichter Pessimismus: Wer das Böse eliminiert, eliminiert zugleich auch das Gute, und „dank allzuviel Tugend siegen die Kräfte der Hölle“. Lem beschreibt eine Welt des „Danach“, die verwirklicht hat, wovon wir nur träumen können, und die so lächerlich traurig und herz-zerreißend albern zugrunde geht, daß selbst der Satire das Lachen im Halse stecken bleibt. Viele seiner bereits in früheren Romanen variierten Themen tauchen abermals auf, um auf einen, wie es scheint, letzten Punkt gebracht zu werden. Ich hatte den Eindruck, sein Vermächtnis zu lesen, einen ebenso geistreichen wie resignierten Abgesang auf alle unsere Bemühungen, das Bessere zu wollen.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Bastelstunde, Teil 1: Donpozuelo





Vorhang auf, und so weiter. Groupies bitte vortreten.


Donpozuelo hat das Wort:


Romandebüts können mal so und mal so sein. Das wohl bekannteste Beispiel unserer „modernen“ Zeit für einen nicht so guten Debütroman liefert der irgendwann mal heiß diskutierte Dan Brown, dessen Erstlingswerk erst veröffentlicht wurde, nachdem alle anderen Bücher ein so großer Erfolg wurden.

Um Dan Brown soll es aber nicht gehen, sondern um den englischen Schriftsteller David Mitchell und dessen herausragendem Erstling „Ghostwritten“ (dt.: „Chaos“). Und um es gleich vorweg zunehmen, beide Titel – englisch als auch deutsch – verraten nicht wirklich viel über einen der vielschichtigsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Mitchell schreibt sein Buch in mehreren Episoden: in jeder davon begleiten wir andere Person (oder auch ein Wesen) an einem anderen Ort dieser Welt. Es geht von Japan über China nach Russland über England und irgendwann wieder zurück nach Japan. Jede Episode steht für sich und bildet dennoch ein kleines Stück zum großen Puzzle. In jeder neuen Episode taucht ein Element aus vorherigen Kapiteln auf, die deutlich machen, dass hier alles globale doch irgendwie miteinander zusammenhängt – halt frei nach dem Motto: „Die Welt ist ein Dorf und jeder beeinflusst jeden auf eine bestimmte Art und Weise.“

Was sich hier vielleicht ein wenig wirr anhört, ist ein spannender Roman, der zahlreiche Genres – Sci-Fi, Krimi, Romanze, Drama – vermischt und es schafft, den aufmerksamen Leser vollkommen zu fesseln. (Spätestens ab dem zweiten Kapitel ergründet man die Verbundenheit der einzelnen Episoden und wird so zum Detektiv, um möglichst alle Stücke miteinander zu verbinden).

Man kann bei solch einem grandiosen Erstling nur hoffen, dass es nicht die einzige originelle Idee im Kopf von David Mitchell gewesen ist.



Meine Dankbarkeit ist übrigens unermesslich. Macht verdammt viel Spaß, Eure Beiträge zu lesen. Respekt.

Freitag, 24. Juli 2009

Bastelstunde bei der Axt





Geschätzte Leser,
kürzlich bat ich Euch, mir Eure Lieblingsbücher zu verraten und bin auf diese Weise zu toller neuer Lektüre gekommen. Wie Ihr rechts in der Leiste seht, lese ich fleißig und arbeite mich langsam durch meinen Einkaufszettel (immer wieder unterbrochen durch unverhoffte Buchgeschenke außer der Reihe oder meinen lästigen Geldverdien-Seelenverkaufs-Job).

Mir hat es sehr gefallen, wie viele von Euch über "ihre" Bücher gesprochen haben. Und da dachte ich mir so: Es wäre doch großartig, wenn hier mal ein oder zwei oder drei Gastautoren den Stift in die Hand nehmen und einen Text über ein Werk schreiben, dass sie sehr lieben oder auch sehr hassen. Frisches Blut und so.

Der Text kann lustig sein oder böse oder emotional, objektiv oder subjektiv, kurz oder lang. Ihr wisst ja, wie das hier so läuft. 

Wer will, schickt also einfach per Email seinen Artikel ein und wir laden den hoch. Da winken Ruhm und Ehre, und vielleicht ein paar schicke Groupies. Wenn das kein Argument ist!

(Ich bin mir übrigens im Klaren, dass dies hier vermutlich so läuft wie ein Referat an der Uni: Du redest und redest und eröffnest dann irgendwann die Diskussion, aber keiner will was sagen. Alle sitzen da und schweigen und schauen Dich an wie Zombies, und Du fängst langsam an zu schwitzen und wünschst Dich auf den Jupiter. Aber vielleicht macht Ihr für mich ja ne Ausnahme?)

Mittwoch, 22. Juli 2009

Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt






Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir einen gestandenen ZEIT-Kritiker hierher. Der könnte mich dann abwinkend ins Café schicken und einen Text aus dem Handgelenk schütteln, während ich Minzfrappé trinke. Der ZEIT-Kritiker fände problemlos die richtigen Worte und Gedanken, die einem, ja, einem Meisterwerk wie diesem gerecht würden, und er hätte genug Routine, um eine einschüchternde und beruhigende Professionalität auszustrahlen.

Leider kann mir so jemanden nicht leisten, und deshalb sitze ich seit zwei Wochen (okay, mit Unterbrechungen) vor diesem Bildschirm und verzweifele an der Schönheit des Buches von Haruki Murakami. Allein der Titel ist in seiner Sperrigkeit einfach fantastisch: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Das musste ich einfach lesen, kein Zweifel.

Und als ich es dann gelesen hatte, da wusste ich, dass es mir auf gar keinen Fall möglich sein wird, das zu beschreiben, was ich beim Lesen gefühlt habe. Dafür fehlt mir zweifellos das Werkzeug. Trotzdem will ich versuchen, wenigstens ein kleines Stück davon weiterzugeben – denn es könnte ja durchaus sein, dass dieses Buch für jemanden da draußen ein so großes Geschenk wird wie für mich, und diese Möglichkeit darf nicht ignoriert werden.


Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt spielt in zwei parallelen Handlungssträngen, zwischen denen kapitelweise hin- und hergewechselt wird. Hard-boiled Wonderland scheint ein Tokio der (fernen?) Gegenwart zu sein: Ein Datenkrieg ist ausgebrochen. Das so genannte System versucht, diese Daten zu verschlüsseln, die so genannte Firma versucht sie zu hacken. Der namenlose Protagonist ist dafür zuständig, diese Daten in seinem eigenen Gehirn so zu „waschen“, dass sie nicht mehr gestohlen werden können – das ist sein ganz alltäglicher Job, damit verdient er sein Geld. Das Ende der Welt ist hingegen eine seltsame, zeit- und seelenlose Parallelwelt ohne Gefühle, ohne Drama, ohne Wünsche, umgeben von einer unüberwindlichen und allwissenden Mauer.

Murakami lässt die beiden Erzählstränge langsam und mit Bedacht aufeinander zu laufen, Faden für Faden wird zwischen den Welten geknüpft, bis zum gemeinsamen Finale. Ein komplexes Gewebe ist dieses Buch, ohne jemals sperrig zu sein. Eine perfekte Komposition von Form und Inhalt, herausragend klug und sensibel erzählt, lakonisch und witzig und voller wunderschöner Gedanken. Mal waren es kleine Beobachtungen, die mich berührt haben, mal waren es große Ideen – Murakami kann zweifellos beides.

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Chiara Carrer: Das Mädchen und der Wolf





Der SPIEGEL hat eine wunderbare Sache ausgegraben, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Ich habe zwar keine Ahnung, in welcher Schublade ich Das Mädchen und der Wolf ablegen könnte, aber bemerkenswert ist das Buch, und wunderschön illustriert außerdem. Ein Kinderbuch? Ja, vielleicht, denn die ungewöhnlicheren Assoziationen offenbaren sich ohnehin erst beim zweiten Lesen und Hinsehen. Aber was soll’s, das ist mir sowieso wurst.

Und welches gestandene Mädchen hat sich nicht schon einmal gewünscht, dass das brav-doofe Rotkäppchen sich gefälligst selbst retten möge, statt auf den ollen schwitzigen Jäger zu warten? Was die Gebrüder Grimm einst an zu radikalem Gedankengut aus der Geschichte tilgten, hat Chiara Carrer wieder ausgegraben. Claudia Voigt vom SPIEGEL sieht es so:

Die italienische Kinderbuchillustratorin kennt sich aus mit den vielen Fassungen von "Rotkäppchen und der Wolf". Was die Brüder Grimm 1812 im ersten Band ihrer "Kinder- und Hausmärchen" veröffentlichten, war eine Erzählung, die sie von all den Motiven befreit hatten, die ihnen zu kannibalistisch vorkamen und zu sexuell.

Carrer mutet den Lesern mehr zu: Sie orientiert sich an früheren Versionen, die grausamer waren und emanzipierter.

Nachdem der Wolf die Großmutter verspeist hat, lässt er ein wenig von ihr übrig, um dem Mädchen diesen Rest zum Essen anzubieten. Das Mädchen lehnt ab. Es schmeckt ihr nicht. Anschließend zieht sie erst ihr Kleidchen aus, ihre Hemdchen, den Unterrock, die Strümpfe, bevor sie an das Bett des Wolfs tritt.


Klingt das gut oder klingt das gut? Nicht zu vergessen die eigenwilligen Illustrationen, die keinesfalls als nettes Beiwerk zu verstehen sind. Im Gegenteil – die düstere Bildsprache ist es, die Geschichten erzählt. Harte Kanten, harte Farben, spitze Stacheln. Ein prima Geschenk für eigenwillige große kleine Mädchen.

(Edit: Verdammt noch eins, ich sah soeben: Der Spiegel hat Charlie Huston ebenfalls besprochen. Fast zeitgleich mit mir. Bin ich jetzt Mainstream oder was? Mein Gott. Dafür verlinke ich den Artikel jetzt nicht, so.)


Das Mädchen und der Wolf in den 80ern:


Dienstag, 14. Juli 2009

Charlie Huston: Stadt aus Blut.






Ja, geil. So wird’s gemacht. Wer schnelle, harte Krimis liebt und eine gewisse Brutalität dabei in Kauf nimmt, wenn nicht sogar wünscht, der wird Charlie Hustons bisher dreiteilige Reihe um den wunderbar abgeranzten New Yorker Joe Pitt lieben. Ein Old-School-Held allerbester Manier ist er, der hartschalige Joe, und deshalb darf er auch „ficken“ sagen, irrsinnig viel rauchen und in Bars rumhängen. 

Großartig überzeichnet mit einem Sinn für den schmalen Grad sind Figuren und Ambiente: Das Manhattan des Joe Pitt ist düsterer und korrupter, die Büros der Privatdetektive gammeliger, die Schurken schurkiger als in Wirklichkeit – und das macht Spaß, denn die Dialoge sind schön lakonisch, größtenteils kitschbefreit und die Handlung hat richtig Tempo.

Jawohl, Dan Brown, da kannst Du Dich jetzt aber warm anziehen mit Deinen weichgespülten Softie-Charakteren, gell? Joe Pitt würde Deinem öden Kunstgeschichtsprofessor Robert Langdon mit links die Glatze polieren. 

Was die Reihe dann aber doch vom klassischen Gangsterkrimi unterscheidet ist die Tatsache, dass sowohl Joe Pitt als auch die Typen, mit denen er sich herumschlagen muss, allesamt Vampyre sind. Befallen von einem fremdartigen Vyrus, das den Betroffenen einen heftigen Durst nach Blut beschert und außerdem eine tödliche Allergie gegen Sonnenlicht, haben sich die Vampyre New Yorks zu diversen Clans zusammen geschlossen, die Manhattan unter sich aufteilen und entsprechend miteinander konkurrieren. Pitt selbst gehört keinem Clan an, was ihn natürlich zum Spielball der Strippenzieher macht: Böser Ärger ist da unvermeidlich, das versteht sich.

Ja gut, der Heyne Verlag setzt halt gerne auf dramatische Cover und theatralische Titel. Das ignorieren wir in diesem Fall einfach, weil das Buch einfach zu gut ist, um sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten. Wer bis jetzt noch nicht raucht, der sollte für die Dauer des Romans vielleicht damit anfangen. Gleiches gilt fürs Trinken und für Barschlägereien. Einfach aus Stilgründen. Alternativ hört man sich beim Lesen die Lordz of Brooklyn an.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Magazine: FHM.





Liebes FHM Magazin,

ich hasse Dich.

Du kennst mich nicht, aber das macht nichts. Dafür kenne ich Dich. Und je mehr ich von Dir sehe und höre, umso weniger kann ich Dich leiden. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich weiblich bin, und für die Weiblichkeit scheinst Du keinen übermäßigen Respekt zu hegen. Ich gehöre also nicht zu Deiner Zielgruppe, das stimmt – aber ich gehöre zu denen, auf die Du Deine Zielgruppe loszulassen gedenkst. Und das gibt mir das Recht, Dich als fortdauerndes Ärgernis in mein Herz zu schließen.

Denn ich habe ein gegen Null tendierendes Interesse, dass Deine Zielgruppe sich meiner annimmt, und auch nicht meiner attraktiven Freundinnen. Deine Zielgruppe glaubt nämlich, dass „die Frauen“ sich mittels eines von Dir zu Verfügung gestellten Bums-Atlas die Beine spreizen lassen. Außerdem ist sie der Ansicht, dass es unheimlich erstrebenswert, wenn nicht sogar lebensnotwendig sei, mit 300 Frauen zu schlafen wie das Rapperkuriosum Fler (der als role model sowieso eine einigermaßen bizarre Wahl ist). Und nicht zuletzt rätst Du Deiner Zielgruppe zu diesem scheußlich unlockeren, aufgesetzt wirkenden Kleidungsstil, der alberne Anleihen bei diversen Subkulturen tätigt. Igitt.

Und so könnte ich in alle Ewigkeit weiter lamentieren. Ich würde Dir die Humorlosigkeit Deines irrsinnigen Miezenfoto-Bewertungssystems aufs Brot schmieren, Du würdest garantiert einwerfen, dass Feministinnen voll hässlich seien, ich würde Dich eines lausigen Mutterkomplexes bezichtigen und Du mich als spaßbefreite Emanze beschimpfen.

Sparen wir uns die Zeit und verbleiben stattdessen in herzlicher Feindschaft.

Immer,
Deine Axt

Donnerstag, 2. Juli 2009

Go for the fame: Open Mike in Berlin





Statt immer nur zu lesen, kann man ja auch mal was schreiben. Wer sich in dieser Hinsicht besonders gesegnet fühlt, der schicke doch sein Manuskript ein, zum 17. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin.

Hier könnt Ihr Euch über die Teilnahmebedingungen informieren.

Macht mich stolz, Jungs und Mädels!


(Edit: Weiß einer was über das Video? Ich fühle mich deshalb schlecht und emotional verroht, konnte aber nicht widerstehen, es hochzuladen. Ich spüre, wie mein Karma unter den Meeresboden rutscht.)